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" Malerei ist tot, es lebe die Malerei! "


1994-09-29 Malerei ist tot es lebe die Malerei
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Rede von Dr. Barbara Rollmann-Borretty anläßlich der Ausstellung: PETER VALENTINER in der Deutschen Privaten Finanzakademie AG

(29. September - 4. November)


So abgegriffen dieser Satz auch klingen mag, so gültig ist er gerade heute. Wie oft ist die Malerei gestorben in den letzten eineinhalb Jahrhunderten. Das letzte Mal etwas sang- und klanglos nachdem den „Neuen Wilden“ die Wildheit zur Manier geraten war.


Eine Richtung der zeitgenössischen Kunst arbeitet immer näher an den Grenzen zur Realität. Wenn auch diese konzeptuellen Aktionen, räumlichen Installationen und die Arbeit mit den (sogenannten) neuen Medien Video und Computer heute das Bild der progressiven Kunst Landschaft weitgehend bestimmen, so darf doch nicht vergessen werden, daß der Großteil des Kunst Marktes, also der Käufe und Verkäufe, von zweidimensionalen Bildwerken besetzt ist - seien es Bilder, Graphiken oder auch Photographien.


Unsere "Nationalhelden" in der Kunst - sehen wir von dem verstorbenen Joseph Beuys ab - Gerhard Richter, Sigmar Polke, auch Georg Baselitz und Anselm Kiefer, sind Maler.

Gerade heute, im Zeitalter der digitalen Bilder und des raschen Kunst-Konsums, macht jedoch auch eine junge Generation - wie sie beispielsweise von der Galerie Westernhagen in Köln vertreten wird - daran, sich sehr intensiv um das Wesen der Hauptkomponenten von Malerei, um Farbe, Form und Fläche, zu bemühen.


Doch auch die Generation, die während des Aufbruchs der sechziger und siebziger Jahre progressive Aktionskunst betrieb, arbeitet heute nicht selten mit Papier und Leinwand - was sicher nicht als eine Alterserscheinung, sondern wohl eher als eine Weiterführung des Gedankengutes mit einem anderen künstlerischen Medium zu verstehen ist.


Hierzu kann man 1auch Peter Valentiner zählen, wobei seine Aktionskunst schon immer auch ein Experimentierfeld für Probleme der Malerei gewesen ist.


Peter Valentiner wurde in Kopenhagen geboren und ist 1949 nach Frankreich übersiedelt. Seit 1971 lebt und arbeitet er in Paris.


In den späten sechziger Jahren waren in der europäischen Kunstszene die Einflüsse der Pop-Art. der Op-Art. und einer gesellschaftskritisch ausgerichteten Intelligentia virulent. In diesem Ambiente hat auch Peter Valentiner sein künstlerisches Repertoire ausgebildet

Den Künstler faszinierten optische Phänomene; ihn interessierten eine neue Sichtweise, wie sie gerade in der gegenstandslosen, reinen Malerei erprobt wurde. Seine motivische Nähe zur Op-Art, auch zu Künstlern wie Vasarely, hat sich im kunsthistorischen Rückblick bestätigt.


Es ging ihm um die optische Täuschung und Tarnung der sichtbaren Welt. Was lag da näher, als mit militärischen Tarnnetzen zu arbeiten. Valentiners „Erfindung“ war es, diese Tarn-Stoffe und Netze in allen möglichen Situationen der täglichen Umgebung anzuwenden - als Vorhang im privaten und Öffentlichen Raum etwa. Freilich wurde damit, neben dem ästhetischen versuch, auch eine politisch-kritische Haltung ausgedrückt.


Doch uns geht es hier um die Malerei. Der Flimmereffekt, der beim Durchschauen durch so ein Netz entsteht, inspiriert ihn zu seinen malerischen „Experimenten“, die bis heute andauern.


Frühe Bilder von 1975 zeigen ganz deutlich den Vexiereffekt, den ein grobmaschiges Netz auf einer Oberfläche hervorruft. Mit einer speziellen Abklebe-Technik malt der Künstler in zwei Schichten, die jedoch ihre Rollen als Vorder- und Hintergrund, als Darüber- und Darunterliegendes nicht genau preisgeben.


Neben diesen doch konzeptuellen Ansatz von Malerei fühlt er sich auch zu der französischen Malertradition, die sich dem Kolorismus verschrieben hat, hingezogen.


Valentiner ist ein exellenter und leidenschaftlicher Kolorist, der seine Sache sehr genau nimmt. Ihm geht es niemals um die „geschmackvolle“ Farbkombination, die vielleicht Wohlgefallen auslöst, er praktiziert ein relativ strenges Farbprogramm, das sich aus Kontrasten aufbaut.


Bei erster Betrachtung dieser Bilder entsteht vielleicht der Eindruck, sie seien aus einer lustvollen Intuition heraus entstanden. Doch Peter Valentiner arbeitet immer mit einem gewissen System: das betrifft besonders die Komposition seiner Bilder. Zeittypisch für einen Abkömmling der sechziger Jahre betreibt er rationelle Malerei; das zeigt einmal die Arbeit mit Schablonen, zum anderen das Prinzip der Serien, die sein Schaffen kennzeichnen.

Diese ganze Haltung wendet sich gegen die informelle Kunst der Nachkriegszeit, die, am Ende nur noch geschmäcklerisch, den Künstler als, intuitiven Creator singulärer Meisterwerke gesehen hat.


Die Überwindung solch hierarchischer Vorstellungen drückt sich auch in Valentiners Bildinhalten aus: wenn auch kompositorische Elemente wie Diagonale und Zentrum immer sichtbar sind, so ist doch die Wirrnis der einzelnen Taile zueinander das vorhersehende Stilelement. Durch Verschiebung von Farbkreisen und Linien in alle möglichen Richtungen wird Verunsicherung beim Betrachter ausgelöst. Das Malen in mehreren Schichten erzeugt wiederum einen räumlichen Effekt.


Fast denken wir an virtuelle Räume, wie sie heute der Computer simuliert, und wie sie den Künstler auch sehr faszinieren. Die endlose Tiefe dieser Räume und die chaotische Bewegung in ihnen mögen wir in manchen Bildern hier finden.


Ab Mitte der achtziger Jahre wird Valentiners Malerei strenger. Er erarbeitet sich ein System aus Formern und Gegenformen, das aus der kompositorischen Flächenaufteilung entsteht.

Das Bänderwerk, das sich aus den unausgefüllten Formen ergibt, bleibt nicht einfach Linie, sondern schafft durch seine Kolorierung die Illusion, ein Spalt im Raum zu sein.


Diese Motive, die mit ihren Gegenstücken im Raum oder, bei späteren Bildern, auch wieder auf der Fläche, zu schweben scheinen, gehorchen dem Prinzip des Vexierbildes. Ausgefüllte und unausgefüllte Formen erzwingen ein ständig vor- und zurück- klappendes Nebeneinander. Seine Funktionen sind umso rätselhafter, wenn Licht und Dunkelheit, gemalt wie in einem perspektivischen Bild, hie und da auftauchen.


Solange es diese Möglichkeiten gibt, und solange Künstler wie Peter Valentiner nicht aufhören werden, mit der Optik auf der Leinwand zu experimentieren, solange ist die Malerei nicht tot.


Vielen Dank.

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