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Europäischi-ie Malerei der Gegenwart - Spuren und Zeichen


1984-08-25 Spuren und Zeichen
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Anläßlich der Zweitausendjahrfeier der Stadt Trier wurde, nach den zahlreichen historischen und kunsthistorischen Ausstellungen,nun auch eine wichtige Schau europäischer Gegenwartsmalerei eröffnet.

In mehreren Sälen einer renovierten Fabrik werden 75 Werke von 35 europäischen Malern präsentiert, die im Zeitraum von ca. 1960bis heute entstanden, in ihrer Mehrzahl jedoch den letzten drei bis vier Jahren entstammen. Ausgerichtet wurde die Ausstellung vonder "Europäischen Akademie für Bildende Kunst Trier" unter der verantwortlichen Leitung von Professor Erich Kraemer.

Leitende Gesichtspunkte der Ausstellung wurden im Einladungstext folgendermaßen formuliert: ''Form und Farbe alsGestaltungsmittel des Raumes auf der Fläche haben im deutschen Bereich in den Römischen Mosaiken und Wandmalereien Triers früheste Zeugnisse gefunden Plastizität aus der Komposition von Linienführung, Flächeneinteilung und Farbgebung stand in der europäischen Malerei traditionell im Dienst von Motiv und suggestiver Kraft." Absicht der Ausstellung ist es, solche Werke derGegenwartsmalerei zu versammeln, die "in der modernen Welt dem alten Prinzip erneute Verlebendigung verschaffen". Diese weitgespannten Formulierungen haben mithin zum Ziel, eine Brücke zu schlagen zwischen den ältesten malerischen Traditionenauf deutschem Boden und dem gegenwärtigen künstlerischen Schaffen. Zur genaueren Bestimmung solcherTraditionszusammenhänge war es allerdings nötig, die Begriffe präziser zu fassen. Die Frage war vor allem, was unter "Motiv" im oben erwähnten Satz zu verstehen sei. "Motiv" war in der alteuropäischen Malerei weiterhin die figurale Thematik, und auch im Nichtfiguralen, bei Landschaften etwa oder Stilleben, zumeist die Darstellung von konkreten Gegenständen und Gegenstandszusammenhängen. Auch die Trierer Ausstellung zeigt eine Reihe gegenständlicher Bilder, bis hin zu extremverdinglichenden Darstellungen, zum Beispiel Erro. Was verbindet solche Werke mit den abstrakten, ungegenständlichen Bildern,die hier doch die Überzahl bilden? Stehen sie in einem bloßen Gegensatz zu ihnen? Die Ausstellung zeigt als ein gemeinsames Prinzip die Darstellung des "Elementaren" in den verschiedenen Erscheinungsformenauf. Hier spannt sich ein Bogen zwischen "abstrakter" und gegenstandsdarstellender Malerei, wobei auch den anderen genannten Kriterien, also den aus den eigenen Grundlagen der Malerei entwickelten, Genüge getan wird.

Emil Schumacher ist mit drei großen Bildern der Jahre 1981/82 vertreten, dunklen, von schwarzen Streifen durchzogenen und inweißen Feldern aufgehellten Tafeln. Die in sich kreisende Ruhe der Erde scheint hier anschauliche Gestalt zu gewinnen. Ihnen sinddrei Bilder Antoni Tapies gegenübergestellt, so die Spannweite in der Veranschaulichung erdhafter Materialität zum Bewußtseinbringend, akzentuieren Tapies' Tafeln doch das Moment eines stummen, hermetischen Widerstandes, gleichzeitig Alterung undSchicksalsbeladenheit.

Dem Abgründigrn des Wassers ist ein Bild Pierre Alechinskys gewidmet. Die Belgier Alechinsky und Corneille und der Niederländer Karel Appel, die sich ehedem zur "Cobra" -Gruppe zusammengefunden hatten, sind auf der Ausstellung mit neuen Arbeitenvertreten, die bezeugen, daß ihr künstlerisches Schaffen nichts an Kraft und Eindringlichkeit verloren hat.

Die englische Kunst ist durch eine Reihe sehr eigenwilliger Maler repräsentiert. Anthony Wishaw (geb. 1930) thematisiert in seinem Bild „Interior triptych“ von 1983/84 die Dialektik von "außen" und "innen", Öffnung und Verschließung. Gary Wraggs (Jahrgang 1946) Werke sind bestimmt von lichthafter Strahlkraft der Farben und linearer Energie, Frank Auerbachs (geb. 1931) Landschaftenund Porträts lassen au expressiven Pinselzügen Figuren und Gegenstände entstehen, die von elementarer, übermächtiger Erregung erschüttert scheinen. Es ist ein Verdienst dieser Ausstellung, im Ausland hochangesehene, in Deutschland jedoch kaum bekannte Maler der deutschenkunstinteressierten Öffentlichkeit mit wichtigen Werken bekannt zu machen. Simon Hantaï, der Frankreich auf der Biennale vonVenedig 1972 vertreten hatte, zeigt mehrere seiner charakteristischen Werke, die mittels Leinwandfaltungen Knitterstrukturen bildenund in farbigen Quadraten flirrendes Licht einfangen. Jean Pierre Pincemin vereint gleichfalls eine geometrische Formgrundlage mit höchst subtiler Farbgestaltung, wobei es seine künstlerische Absicht ist, der Bildrealität venezianischer Renaissancegemälde nahezukommen. Die italienische Malerei (st repräsentiert durch Werke Piero Dorazios von 1958 bis 1960, die Licht mittels einer Farbchromatik zur Anschauung bringen und Bildern Mimmo Paladinos (geb. 1948), dämonenbeschwörenden, von farbigen und formalen Spannungen erfüllten Tafeln, also durch Werke verschiedener Generationen und höchst unterschiedlicher Ausdrucksweisen. Für diespanische Malerei treten, neben Tapies, Bonifazio und Jose Guerrero ein, letzterer mit Bildern leuchtender Farbkraft. Auch diese beiden Künstler waren in Deutschland bislang fast unbekannt.


In der deutschen Malerei spannt sich der Bogen gleichfalls von strenger Konstruktion mit Licht und Dunkel der Malerei bei FrankBadur zu den verschiedenen Möglichkeiten expressiver und ''sachlich'' -gegenstandsdarstellender Kunst. Die mittlere Generation expressiv-"wilder" Malerei vertritt Markus Lüpertz mit dunklen, Fragmente menschlischen Daseins dämonischen Mächtenpreisgebenden Bildern. Eine Antwort der jüngeren Jahrgänge gibt Mario Radina (geb. 1956) mit halbabstrakten, aus gestischenFarbschwüngen verdichteten Gebilden, die schemenhaft Köpfe aus sich entlassen. Derselben Generation gehören Martin Assig(geb. 1959), Mette Larsen (geb. 1952) und Gabi Schilling (geb. 1958) an: auf verschiedenen Stufen der Vergegenständlichungbringen sie expressive Figurationen ins Bild. Am äußersten Pol gegenständlicher Verfestigung aber steht der seit langem in Paristätige Peter Klasen (Jahrgang 1935), in dessen Bildern die Magie der Dringlichkeit in elementar einfachen Kompositionen Gestalt gewinnt.


Die Trierer "Europäische Akademie" schließlich gliedert sich in diese europäische Übersicht mit zweien ihrer Dozenten ein:Peter Valentiner, der Franzose, durchsetzt in seinen Werken die Farben mit intensiven linearen und räumlichen Energien, der inTrier gebürtige Erich Kraemer, künstlerischer Leiter der ''Europäischen Akademie'', vereinigt subtile Farbabstufung vornehmlich von Grau-und Braun-Akkorden, mit Reliefstrukturen, die den Gegensatz von offener und geschlossener Form, Endlichkeit und Unbegrenztheit, in sich austragen. Überzeugend dokumentiert mit solcher Beteiligung die Trierer Akademie den Rang ihrer Lehrkräfte im europäischen Vergleich.


Die Ausstellung bezeugt auf eindrucksvolle Weise die Lebendigkeit und Vielgestaltigkeit der europäischen Gegenwartsmalerei.Wie substanzlos läßt sie die matten Klagen um den Verfall, die Orientierungslosigkeit aktueller Kunst, wie sie in den letztenJahren nicht selten zu hören waren, erscheinen! Aber sie beschwört auch keinen "New Spirit in Painting", noch begnügt siesich mit der Konstruktion eines punkturellen "Zeitgeistes". Die Idee der Ausstellung, die Gegenwartsmalerei durch dieZusammenführung mehrerer Generationen in der Kontinuität ihrer künstlerischen Entfaltung, wie, weiter gespannt, im Blick auf den Zusammenhang mit der europäischen Malerei von ihren hiesigen römischen Ursprüngen her zu verstehen, wirdAnschauung und Erlebnis. Damit trägt die Ausstellung auch der kunsthistorischen Erkenntnis Rechnung, daß es imfortgeschrittenen zwanzigsten Jahrhundert nicht mehr darum gehen kann, immer neue, kurzlebige, "postmoderne", "transaventgardistische" oder wie auch immer deklarierte Stilrichtungen zu erfinden, sondern darum, die moderne Malerei inihrer sinnvollen Vielfalt und in ihren großen Zusammenhängen zu erfassen.



EUROPÄISCHE MALEREI DER GEGENWART

Trier, Tuchfabrik, Weberbach/Wechselstraße

25. August bis 18. November 1984, täglich 10.00 bis 20.00 Uhr

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