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Milliarden Namen Gottes - Mit Peter Valentiners Arbeiten eröfnete die Galerie Marianne Meyer


1991-07-02 Milliarden Namen Gottes
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Es soll ja Leute geben, die sich Gemälde nur dann anschaffen, wenn diese auch zu ihren Gardinen oder Teppichböden passen. Mit ziemlicher Sicherheit würden Ignoranten dieser Art unter den Bildern des in Dänemark geborenen Franzosen Peter Valentiner fündig werden, schließlich erinnert sein überdimensionales Tapetenmusterbuch.


Doch selbstverständlich gründet das hohe internationale Ansehen dieses Künstlers, der heute vorwiegend in Köln lebt und an der europäischen Akademie für bildende Kunst in Trier unterrichtet, nicht im Dekorativen. Einen gewissen Hang zum Stereotypen und Seriellen können seine Arbeiten hingegen nicht leugnen. So sind jene abstrakten Acrylbilder, die momentan in der Galerie Marianne Meyer ausgestellt werden, in den Jahren 1983 bis 1990 entstanden, ohne daß sich bei ihnen eine künstlerische Fortentwicklung feststellen ließe. Im großen und ganzen sind sie alle nach einheitlicher Weise verfertigt worden.


Das soll aber non nicht heißen, daß diese Erkenntnis ein abwertendes Urteil nach sich ziehen müßte. Weil Valentiner vom Inhaltlichen her stets etwas ganz Neues und Eigenständiges gelingt, weil er von daher keine eigentlichen Variationen aneinanderreiht, läßt sich im Gegenteil argumentieren, er habe früh seinen unverwechselbaren Stil gefunden und perfektionieren können, er habe sich nicht von kurzlebigen modischen Strömungen tangieren lassen und sei unbeirrt seinen Weg gegangen.


Wie angedeutet, wird dieser sein Weg von äußeren, festen und immer gleichen Begrenzungen des Verfahrens zusammengehalten. Für gewöhnlich bestehen sie darin, daß Valentiner meist drei mehr oder weniger lasierte Farbschichten übereinander aufträgt, wobei mittels unregelmäßiger Schablonen jeweils bestimmte Flächen ausgespart werden. Auf diese Weise erhalten seine Bilder Tiefe, eine gewisse Räumlichkeit und Dynamik.


Damit sind bereits Qualitäten genannt, die nicht mehr zu Valentiners Rahmenbedingungen gehören, sondern ins Zentrum seines Programmes zielen. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, das unergründliche Wechselspiel von Farbe und Fläche in fortwährend neuen Anläufen auf den Punkt zu bringen. Wie bei einem Kaleidoskop schüttelt er die beiden Komponenten durcheinander und erzeugt damit ein Chaos, das doch Beziehungen aufweist und Wirkungen auszulösen vermag.


So drücken Valentiners Bilder mal Freude, mal Trauer aus, mal strotzen sie vor Aggressivität, mal vermitteln sie Zufriedenheit und Harmonie. Es gibt Farben, die sich bedingen, und Flächen, die sich abstoßen. Sie spielen mit reiner, unreflektierter Sinnlichkeit und behalten deshalb einen letzten Rest ihres Geheimnisses für sich.


Valentiner hat sich mit seiner bewußten Beschränkung auf Farbe und Fläche und der gleichzeitigen manischen Durchdringung dieser Vorgaben in ein mystisch zu nennendes Begehren vertieft, das dem tibetanischer Mönche gleicht, die bestrebt sind, die neun Milliarden Namen Gottes aufzuzählen, um damit die Schöpfung zu entschlüsseln und zu vollenden.


Daß eine solche meditative Versenkung keine Ausnahmen, keine Kompromisse gestattet, kann man verstehen. Die Beschäftigung mit Modigliani oder Picasso, denen Valentiner Collagen gewidmet hat, ist deshalb eine zersetzende. Die Kunsttitanen haben sich dem Programm unterzuordnen, müssen es sich gefallen lassen auf einen Gefühlswert reduziert zu werden.


Zum Schluß noch ein Wort zur neuen Galerie selbst, das nur anerkennend ausfallen kann. In der alten Trafofabrik an der Mosinger Straße hat Marianne Meyer klare, lichtdurchflutete Räume entstehen lassen, die für Kunst prädestiniert sind. Es lohnt sich, Peter Valentiners Welt, die hier bis zum 10. August zu Gast ist, einen Besuch abzustatten. Ein bißchen Zeit zum Eintauchen sollte man allerdings mitbringen.


Peter Zemla

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